Interview mit Nando Parrado

Respektiert für das erlittene Unglück, bewundert für seine Reaktionsfähigkeit und als Held angesehen für seine großen Leistungen: für das Überleben seiner Mannschaft zu kämpfen und für seine Fähigkeit, stets auch die positive Seite dieses schrecklichen Erlebnisses zu sehen. Nando Parrado ist ehemaliger Rugby-Spieler und einer der 16 Überlebenden des Flugzeugabsturzes 571 in den Anden im Jahr 1972 sowie Autor des Buches „72 Tage in der Hölle: Wie ich den Absturz in den Anden überlebte“.

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Nando Parrados Lebensgeschichte ist eine Geschichte voll von Verlusten und Triumphen, bei der die Liebe zum Leben und seine starke Führungspersönlichkeit über allem Leid stehen.

Herr Parrado, wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie Zeit gefunden haben, uns die folgenden Fragen zu beantworten und freuen uns ungemein, dass wir Ihre herausragende Geschichte mit unseren Lesern teilen dürfen.

Als Ihr Flugzeug in den Anden abstürzte, nahmen auch Sie instinktiv eine Führungsrolle ein. Welche Erfahrungen und Kenntnisse haben Sie dazu gebracht, die Kontrolle in solch einer Situation zu übernehmen?  

Das Hauptproblem war, dass die eigentlichen Anführer bei dem Unfall ums Leben gekommen waren. Jene, die Anführer im gesellschaftlichen Leben waren, an der Universität oder auf dem Spielfeld, sind bei dem Absturz gestorben. Wir, die keine Anführer waren, mussten uns an die Situation anpassen und so haben sich die Anführer entsprechend den Umständen ergeben. Mir persönlich hat, denke ich, der Pragmatismus, mit dem mich mein Vater erzogen hat, geholfen. Ich habe sofort begriffen, dass die Situation sehr kompliziert war und dass wir keine Überlebenschancen hatten.

Welches sind die Schlüsseleigenschaften, die eine Führungspersönlichkeit ausmachen? 

Anden Flugzeugabsturz 1972Ich glaube, dass Führungspersönlichkeiten über weitreichende Kenntnisse, Perspektiven und Fertigkeiten verfügen müssen, um zu wissen, was zu tun ist. Aber das heißt nicht, dass eine Führungsperson auf alles eine Antwort hat. Man muss auch den Mut haben sich einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Auch die Fähigkeit, anderen sowie den eigenen Instinkten und dem eigenen Verstand zu vertrauen. Man muss Resilienz bei dem Verfolgen eines Ziels aufweisen und den Mut haben, schwierige Entscheidung zu treffen, dabei zu bleiben und zu wissen, sie zu erklären … Aber vor allem sollte ein Anführer Vertrauen schaffen.

Welche Rolle spielten Organisation und Teamarbeit?

Wenn wir keine großartige Rugby-Mannschaft gewesen wären, hätten wir nicht überlebt. In einem Passagierflugzeug mit Personen verschiedenen Alters, verschiedener Ethnien, mit unterschiedlichem Bildungsstand, Sprachen, Religionen, Menschen, die allein reisen, andere mit ihren Familien, wäre es schwierig gewesen, gleich zu Beginn einen Anführer zu finden, wie es bei uns der Fall war. Ohne einen Anführer hätten wir die erste Nacht nicht überlebt. Er war es, der entschieden hatte, eine Wand zu bauen, um zu verhindern, dass der Wind und die Kälte in den kaputten Rumpf eindringen.

Nach unseren Recherchen über Sie sind wir davon überzeugt, dass Sie eine sehr optimistische Person sind. Sie schaffen es, die gute Seite der Dinge zu sehen, sogar  inmitten eines schweren Unglücks. Wie haben Sie es bloß geschafft, nicht den Mut zu verlieren und 72 Tage lang zu kämpfen?

Anden FlugzeugabsturzDie Wahrheit ist, wir hatten keine Wahl …! Man ist in ein schwerwiegendes Problem verwickelt, dem man nicht entfliehen kann. Ich wollte nicht, dass diese Berge mir mein Leben stehlen und alle meine Träume, die ich noch erleben wollte, also habe ich gegen sie gekämpft. Es klingt irgendwie romantisch, aber es war einfach nur pragmatisch … Ich würde kämpfen, bis ich aufhören würde zu atmen. Auch die Liebe zu meinem Vater hat mir dabei geholfen, unmenschliche Dinge zu ertragen, sowohl körperlich als auch geistig. Ich wollte ihm sagen, dass er nicht alles verloren hatte, dass ich noch am Leben war.

Ohne Zweifel spielt der Kopf eine entscheidende Rolle in solchen Grenzsituationen. Wie haben Sie den Ihren so viele Stunden „unterhalten“? Welche Bilder gingen Ihnen durch den Kopf?

Ich nehme an, dass es so ähnlich ist, wie im Gefängnis zu sein, aber in diesem Fall noch plus der Gewissheit, dass man sterben wird. Es war nicht leicht, dies zu akzeptieren. Stundenlang habe ich die mögliche Flucht geplant und oft habe ich mir auch süße Gerichte mit viel Zucker vorgestellt.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der sich in einer Situation der Ungewissheit befindet und nicht weiß, wann oder wie alles ausgehen wird?

Es liegt an der Person selbst, die Veränderung zu erreichen. Wenn man nichts unternimmt, bleibt alles gleich.

Welche Lehre haben Sie aus diesen 72 Tagen gezogen?

Wie fantastisch es ist, am Leben zu sein und das Hier und Jetzt zu genießen. Die Zukunft ist noch nicht angekommen und die Vergangenheit ist schon vorbei.

Sicherlich hat sich die Reihenfolge Ihrer Prioritäten seit dem Unfall radikal verändert. Könnten Sie uns ein Beispiel für die wesentlichen oder radikalsten Änderungen nennen?

Ich weiß nicht, welche Prioritäten ich vorher hatte, weil ich mir nie Gedanken darüber gemacht hatte …, aber jetzt sind meine Prioritäten meine Familie, meine Hunde, meine Freunde, mein Sport, meine Leidenschaften und meine Unternehmungen. In dieser Reihenfolge.

Hat man nach so einem Erlebnis noch mehr oder gar keine Angst mehr? Welche Ängste haben Sie heute?

Alle Ängste, die ein Mensch hat, habe ich auch: Angst vor Krankheiten, vor dem Verlust von geliebten Personen, vor Gewalt, vor Anschlägen usw.

Sie haben viele Berufe ausgeübt. Was hat Ihnen bis jetzt am besten gefallen und warum?

Mein Beruf als Journalist, spezialisiert auf Autosport und Rennen, da ich dadurch die Möglichkeit hatte, all das zu fahren, wovon viele nur träumen.

Als Experte für Grenzsituationen und zermürbende Momente, was würden Sie jemandem empfehlen, der schon länger auf Jobsuche ist?

Dass er niemals aufgibt!

Zum Abschluss und in kurzen Worten, das Wort „unmöglich“ bedeutet …

rugby-team Flugzeugunglück 1972Dass etwas NICHT MÖGLICH ist. Ja wirklich, es gibt Dinge, die unmöglich sind, also muss man diese auch so bezeichnen. Manchmal überraschen mich Definitionen, die behaupten, dass nichts unmöglich ist, wenn wir uns über die Möglichkeiten eines Menschen hinaus anstrengen, aber das ist nicht so. Es gibt unmögliche Situationen, aus denen es keinen Ausweg gibt. In der Geschäftswelt wird dieses Wort gerne genutzt, aber in allen anderen Aspekten des Lebens ist es SEHR WOHL gültig. Es gibt Situationen, in denen es UNMÖGLICH ist, zu überleben, fragen wir doch mal die Passagiere der Air Malaysia, die über der Ukraine abgestürzt ist.

Harte Arbeit ist …

… endlose Meetings zu haben, bei denen ich schon vom ersten Moment an das Ergebnis kenne.

Bildquelle und weitere Informationen über Nando Parrado: www.parrado.com

 für JobisJob

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