Stories, die sonst kein Model zu erzählen wagt

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JobisJob im Interview mit Christine Hart über ihre Berufsfindung und Karriere als Model. Christine Hart ist erfolgreiches Ex-Model, Schriftstellerin und schonungslos ehrliches Energiebündel. Sie hat zwar ihr Studium der Rechtswissenschaften abgeschlossen, aber gleich nach der Uni eine steile Karriere als Model gemacht. Die Spanierin mit den deutschen Wurzeln hat die Welt bereist, in wunderschönen Städten gelebt und unter anderem mit Helmut Newton gearbeitet. Nach 10 Jahren Modelkarriere ist sie heute Mutter von zwei Kindern und hat ein Buch geschrieben: „The Stories Models Never Tell“, über Themen und Geschichten, die die meisten Models nicht öffentlich zu erzählen wagen. Christine Hart sieht dies ein wenig anders und möchte nicht bloß schockieren, sondern Aufklärungsarbeit leisten und den Job als Model so darstellen, wie sie ihn auch wirklich erlebt hat.

Christine-hart-book-coverWas ist ihr derzeitiger Job?

Im Moment bin ich Schriftstellerin. Ich liebe das Schreiben, weil ich viel von mir selbst zum Ausdruck bringen kann, das ist wunderbar. Es macht viel Spaß, die Figuren zu entwerfen und ihr Schicksal zu bestimmen, d.h. sie sterben zu lassen, sie dazu zu bringen, sich zu verlieben, egal was. Nachdem ich meinen Universitätsabschluss in Rechtswissenschaften gemacht habe, habe ich direkt angefangen zu modeln.

Wie genau kam es zu Ihrem Sprung von Jura in die Model-Welt?

Ich wollte eigentlich nie Jura studieren. Manchmal macht man Dinge für seine Eltern, die man selbst nicht möchte oder die einen selbst nicht glücklich machen. Model zu werden war ein Weg, um auszubrechen und zu reisen. Ich hatte die Möglichkeit, mit meiner äußeren Erscheinung Geld zu machen und überall auf der Welt zu leben. Für mich war das Modeln ein Mittel zum Zweck, aber was mich eigentlich glücklich macht, ist das Schreiben. Modeln war lediglich eine Phase meines Lebens.

Was wollten Sie als Kind einmal werden, wenn Sie groß sind?

Als ich klein war, wollte ich Tänzerin werden. Später, als ich älter wurde, habe ich Kunst und Zeichnen geliebt. Ich bin während der Rezession der 80er Jahre aufgewachsen, also wollte meine Mutter, dass ich etwas Handfestes studiere. Nachdem ich mein Jurastudium abgeschlossen hatte, habe ich nach etwas anderem gesucht, nach etwas, das mich glücklich machen würde. Wenn ich das studiert hätte, was ich wollte, dann hätte ich etwas Künstlerisches studiert. Ich wäre Tänzerin, Produzentin oder Fotografin geworden. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich etwas erlernen, das  mich mehr begeistert. Dann hätte ich mich auf keinen Fall für das entschieden, was andere, nicht einmal meine Eltern. Ich hatte meinen Jura-Abschluss in der Tasche, mich aber nie wie eine Juristin gefühlt.

Was hat Ihnen am meisten an der Arbeit als Model gefallen? Und welcher Aspekt hat Ihnen am wenigsten Spaß gemacht hat?

Als Model hatte ich so viele verschiedene Leben: Ich war Amerikanerin, ich war Australierin, ich war Südafrikanerin. Ich habe viele verschiedene Leben gelebt, in vielen verschiedenen Kulturen, in verschiedenen Städten und auf unterschiedlichen Kontinenten. Ich kann mich glücklich schätzen, viele bereichernde Erfahrungen gemacht zu haben.

Was ich aber nie mochte, war die Verlogenheit bei meinem Job als Model. Man muss immer lächeln, soll sich nie beschweren und immer seine Körperform beibehalten. Wenn man hinter die Kamera schaut, ist es nicht so natürlich, wie es aussieht. Ich ziehe heute einen Job vor, bei dem ich nicht immer perfekt aussehen muss, bei dem ich ohne Make-up und hohe Absätze aus dem Haus gehen kann. Man fühlt sich nicht frei, wenn man immer perfekt aussehen muss. Mir waren Mode, Trends und Schönheitsregeln ständig bewusst.

In Ihrem Buch erzählen Sie eine unglaubliche Geschichte, in der Sie an einer Modenschau in Libyen teilnehmen sollen, sich aber plötzlich in einem Bunker wiederfinden und Gaddafi unterhalten und eine Art private Modenschau für ihn aufführen…

Das schlimmste Erlebnis meines Lebens! Ich war 28 und man hat uns für eine Laufsteg-Show im Konsulat in Tripoli engagiert, die angeblich vom spanischen Botschafter in Libyen organisiert wurde. Als wir jedoch in Tripoli ankamen, sollten wir plötzlich in ein anderes Flugzeug umsteigen und sind mitten in der libyschen Wüste gelandet! Als wir begriffen hatten, was passiert war, waren wir schon in einem Bunker mit, unter anderem, Gaddafi. Das war das schrecklichste Erlebnis meines Lebens, unerwartet auf einem Laufsteg in einem Bunker mitten in der Wüste zu laufen! Wir hätten verkauft, getötet oder vergewaltigt werden können. Ich war mit Abstand das älteste Model und als wir wieder zurück in Spanien waren, war ich die einzige, die sich beschwert hat. Niemand hat mich dabei unterstützt oder sich getraut, unserem damaligen Arbeitgeber gegenüber zu treten. Ich habe sofort meine Agentur gewechselt und erst viele Jahre später haben sich andere Frauen bei mir dafür bedankt, dass ich die Wahrheit so direkt ausgesprochen habe. Die anderen Models waren damals einfach zu jung und zu ängstlich, um irgendetwas zu sagen.

Wenn Sie eine Tochter hätten, welchen Rat würden Sie ihr geben, wenn sie Model werden wollte? Welchen Rat würden Sie ihr für ihre beruflichen Träume geben?

Ich würde ihr raten, nach etwas zu suchen, das sie glücklich macht. Auch wenn sie Model werden möchte, würde ich ihr nicht direkt davon abraten. Aber ich würde ihr empfehlen, erst einmal zu studieren, einen Charakter zu entwickeln, eine Ausbildung zu machen, eine Persönlichkeit zu bekommen.

Wir leben in einer schnelllebigen Welt, wie glauben Sie wird das Modeln in 10 Jahren aussehen?

Als ich angefangen habe zu modeln, gab es kein Photoshop. Wir mussten stundenlang fotografieren, das Licht richtig einstellen, zu anderen Orten für verschiedene Fotoshootings fahren und alles nochmal fotografieren, wenn etwas schief lief. Heute geht alles viel schneller. Vielleicht werden in 10 Jahren gar keine Models mehr gebraucht, weil alles digital ist und von Computern gemacht wird. Ich glaube, dass dieser Job in ein paar Jahren verschwinden wird, wer weiß…

Welchen Rat haben Sie für jemanden, der nach seinem Traumjob sucht oder seiner Leidenschaft folgen will?

Als ich noch jung war, war ich sehr unsicher und folgte gewöhnlich den Wünschen meiner Eltern. Nach vielen Reisen und durch all die Erfahrungen, die ich gemacht habe, habe ich gemerkt, dass ich gerne schreiben möchte, also habe ich einen Kurs in Kreativem Schreiben belegt. Vielleicht bin ich nicht so talentiert wie in anderen Bereichen, aber es ist das, was ich gerne machen möchte. Man muss in sich gehen und etwas finden, das einen glücklich macht und sollte dabei immer seinen Instinkten folgen.

Das gleiche gilt für das Modeln. Ich war 25 Jahre alt, als ich das erste Mal in eine Agentur marschiert bin. Sie haben mir gesagt, dass ich etwas zu alt zum Modeln wäre. Dann bin ich nach Italien gegangen und habe was mein Alter angeht einfach gelogen. Ich habe gesagt, ich wäre 20 und hatte auf einmal die Gelegenheit, mit Helmut Newton zu arbeiten! So habe ich der Agentur zuhause gezeigt, dass ich sehr wohl mit einem der berühmtesten Fotografen arbeiten konnte. Man darf nicht aufgeben, auch wenn alle anderen einem sagen, dass es keinen Sinn hat. Ausdauer ist der Schlüssel zum Erfolg.

Wie einflussreich sind Bilder und Klischees?

Sehr! Ich zum Beispiel wurde einer totalen Gehirnwäsche ausgesetzt und hatte kein normales Verständnis von Schönheit mehr. Jetzt merke ich, wie wichtig es ist, das zu zeigen, was wirklich ist. Ich war so beeinflusst durch die Schönheitsindustrie. Nie war ich glücklich mit meiner Körperform, ich habe immer abgenommen, um Agenten und Designer glücklich zu machen. Und es war nie genug. Was ich in meinem Buch, „The Stories Models Never Tell“, wirklich mitteilen möchte ist, wie solche Klischees und falsche Vorbilder jungen Menschen Schaden zufügen können. Dies zu verstehen, hat mich zu einer glücklicheren Frau gemacht.

Wie kommt es, dass Frauen immer noch damit zu kämpfen haben, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen?

In den nördlichen Ländern wie Schweden oder Dänemark, kann man viele Frauen in hohen Positionen sehen. Nicht wenige Frauen sind CEOs und ihre Männer bleiben zu Hause und kümmern sich um die Kinder. Latino-Kulturen leiden oft immer noch unter dem sogenannten „Machismo“. Aber auf der ganzen Welt haben Männer Angst, ihre Positionen in der Gesellschaft zu verlieren und geben Frauen nicht genügend Möglichkeiten. Insgeheim wissen sie, dass Frauen effizienter arbeiten, multitaskingfähig sind, weniger bestechlich sind und mehr Einfühlungsvermögen und Verhandlungsstärke haben. Wir haben längst bewiesen, dass wir Familie und Arbeitsleben koordinieren könnten.

Sie haben aufgehört, als Model zu arbeiten, um eine Familie zu gründen… Ist es möglich, den Job als Model mit einem Familienleben zu vereinbaren?

Für viele Menschen ist es schon möglich, Familienleben und Modeln zu vereinbaren. In meinem Fall war es meine eigene Entscheidung. Ich möchte nicht reisen, sondern jede Minute dabei sein, wenn meine Kinder aufwachsen.

Wir bedanken uns bei Christine Hart für das ehrliche und interessante Interview mit ihr!

Interessiert daran, diesen Blogbeitrag auf Englisch
oder Spanisch zu lesen?

 für JobisJob

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